Transkript: Geschichte von Hadia Hakrash
Hadia ist 1989 in Shingal geboren und wuchs im von Ezid_innen bewohnten Ortsteil Sîba Shêx Xidir auf, wo sie 2005 heiratete. Als Kind ging sie nicht zur Schule, sondern arbeitete, um zum Erwerb der Familie beizutragen, da sich die ohnehin schwierige Situation durch den Tod des Vaters weiter verschlechterte. Trotzdem war das Aufwachsen mit den Geschwistern auch eine schöne Zeit. Sie nahm an Gemeinschaftsfeiern teil und besuchte auch Pilgerorte. Ihre drei Kinder wurden in den Jahren 2006, 2010 und 2012 geboren.
Hadia war in der Nacht vom 2. auf den 3. August 2014 mit ihrer Familie auf dem Dach ihres Hauses, was viele Menschen in Shingal an heißen Sommertagen taten. Um ca. 3 Uhr nachts hörte sie Explosionen, Donnern und Schüsse. Mit dem Auto des Nachbarn flüchteten sie nach Skeniye, von dort aus ging es zu Fuß weiter in das Shingalgebirge. In der Dunkelheit verlor sie ihren Sohn, der ihr erst drei Tage später von einem ebenso Flüchtenden gebracht wurde, der ihren Sohn unterwegs alleine auffand. 7 Tage verbrachten sie im Gebirge ohne Wasser und Essen, bis PKK-Einheiten kamen. Sie gingen nach Dighurê / Shingal und von dort zu Fuß nach Rojava (Nordsyrien). Nach zwei Tagen ging es weiter nach Kurdistan / Irak, nach Zaxo. Sie brachen über die Berge in die Türkei auf und landeten erst in Batman und dann für ein Jahr und sechs Monate im Flüchtlingskamp in Diyarbakir. Es war eine Zeit, in der sie nicht wusste, wohin.
Dann brach sie mit ihrer Familie auf, um nach Deutschland zu gehen. In Istanbul versuchten sie, die Route über das Wasser zu nehmen. Vier Mal wurden sie bei dem Versuch über das Mittelmeer zu flüchten von der türkischen Polizei festgenommen. Hadia ist trotz ihrer Erlebnisse offen gegenüber allen Menschen. Sie will, dass ihre Kinder eine Schulbildung haben und ihren Glauben / ihre Religion nicht verlieren. Sie selbst geht zum Deutschkurs und will arbeiten, am liebsten in der Altenpflege eine Ausbildung machen, denn sie möchte älteren Menschen helfen.
Die Zerstreutheit der Familie macht ihr sehr zu schaffen. Besonders vermisst sie ihre Mutter, die im Irak lebt. Mehrere Familienangehörige von ihr gelten seit dem 3. August 2014 als vermisst.
Bearbeitungshinweis: In Fällen, in denen im mündlichen Interview das generische Maskulinum verwendet wurde, haben wir uns entschieden, in der bearbeiteten Textversion die Schreibweise mit einem Unterstrich zu verwenden. Dies soll verdeutlichen, dass Menschen aller Geschlechter gemeint sind.