Transkript: Geschichte von Nahla
Nahla ist 1985 in Hatimi in Shingal in eine Großfamilie geboren. Ihr Vater hatte ein großes Stück Land, das sie bewirtschafteten. Manchmal gingen sie auf die Alm mit der Familie, bei der alle bei der Viehzucht mithalfen. Nahla erinnert sich auch an Salf. Das waren Geschichten, die ihre Großmutter ihnen beim Zubettgehen erzählte. Es waren Geschichten ihrer Familien oder ihrer Gemeinschaft. Aus ihrer Kindheit erinnert sie sich, wie arabische Freunde ihres Vaters sie besuchten. Sie erfreute sich an der Teilnahme ezidischer Festtage, wie zum Beispiel am Eierbemalen beim Neujahrsfest. Nach ihrer Hochzeit lebte sie vier Jahre bei ihren Schweigereltern, bis sie in der Nähe ein eigenes Haus aus Lehm bauten. Dort hatten sie eigene Tiere und pflanzten Bäume. Die Familie ihres Mannes hatte ein eigenes Geschäft in der Ortschaft. Ihre drei Kinder sind 2006, 2009 und 2014 geboren.
Am 3. August 2014 hörte Nahla in Hatimi gegen 2 Uhr nachts Donnern und Schüsse. Feuerspuren waren in der Luft zu sehen. Es hielt bis zum Morgengrauen an. Sie wollte mit ihrem Mann und ihrer Familie fliehen, aber durch Telefonate erfuhren sie, dass alle Wege ins Gebirge und nach Kurdistan durch den Islamischen Staat abgeschnitten wurden. Tagelang waren sie wie ihre Nachbarn in Kocho in ihrem eigenen Dorf Gefangene. Der Islamische Staat kam mit mehreren Autos in ihr Dorf. Jeden Tag. Sieben Tage lang. Diese Tage verliefen voller Angst. Nahla malte sich alle schlimmen Situationen aus und weinte viel. Noch vor dem Morgengrauen flohen alle aus Hatimi. Nahla drückte ihre Hand auf den Mund ihrer 7 Monate alten Tochter, damit sie kein Laut von sich gab und sie nicht gehört wurden. Stunden lang tappten sie im Dunkeln, bis sie das Shingalgebirge erreichten. Dort blieben sie ein paar Tage, bis die kurdischen Einheiten aus Rojava (Syrien) kamen. Teile ihrer Familie sind in die Gefangenschaft des Islamischen Staates geraten. 2017 ist Nahla mit zwei Kindern nach Deutschland gekommen. Ihren ältesten Sohn und ihren Mann musste sie zurücklassen. Sie floh über die Türkei, wo sie von der türkischen Polizei beim Fluchtversuch festgehalten wurde, über Bulgarien und Rumänien. In großer Angst überquerten sie als Nichtschwimmerin mit vielen anderen in einem kleinen Boot das Mittelmeer. Anschließend waren sie 24 Tage ohne richtiges Essen, Trinken und ohne jegliche Hygiene unterwegs nach Deutschland. Zunächst blieben sie in Braunschweig. Nach Celle wollte sie, weil eine Tante dort bereits lebte und sie sich dort Hilfe und Unterstützung von Eziden erhoffte, weil sie der deutschen Sprache nicht mächtig war. Hier in Deutschland vermisst sie ihren Ehemann und ihren ältesten Sohn, die noch im Irak sind, und hofft, dass sie bald wieder zusammenkommen. In den Irak zurück zu gehen, kommt für sie nicht in Frage, denn dort könnte sie als Ezidin nicht frei leben.
Bearbeitungshinweis: In Fällen, in denen im mündlichen Interview das generische Maskulinum verwendet wurde, haben wir uns entschieden, in der bearbeiteten Textversion die Schreibweise mit einem Unterstrich zu verwenden. Dies soll verdeutlichen, dass Menschen aller Geschlechter gemeint sind.